Kommt Euch folgende Szene bekannt vor? Mann am Steuer, Frau auf dem Beifahrersitz, auf der Rückbank mehrere Kinder, die dem Hungertod nahe sind. Doch man hat sich verfahren, angeblich, weil Frau nicht dazu in der Lage ist, die Straßenkarte richtig zu lesen, oder weil niemand die genaue Adresse des Fahrziels aufgeschrieben UND mitgenommen hat. Die Stimmung ist schlecht. Die Kinder brüllen die Eltern an, die Eltern brüllen sich gegenseitig an. Man beschließt, nie wieder zusammen ein Auto zu besteigen. Fahrten ins Unbekannte scheinen selten direkt ans Ziel, umso häufiger aber zu Ehekrisen zu führen.
Deshalb sind wir seit Weihnachten im Besitz eines Navigationsgeräts. Dieser kleine Kasten sollte unsere Autofahrten revolutionieren! Wir würden pünktlich und ohne Umwege entspannt am gewünschten Ziel ankommen! Das dachte ich, bevor wir in den Skiurlaub gefahren sind.
Unsere Fahrt nach Österreich war geprägt von starkem Schneefall und vielen Staus. Dank Navi reichte ich einigermaßen entspannt Kekse und Trinkflaschen nach hinten, wechselte CDs und hinderte die Kinder daran, sich vor lauter Geschwisterliebe umzubringen, während mein Mann Stau um Stau umfuhr. Nachdem wir den dritten Stau umfahren hatten, rief ich unsere Hüttenwirtin in Österreich an und korrigierte unsere Ankunftszeit um drei Stunden. Mein Mann war bereits etwas wortkarg.
An der Grenze zu Österreich mussten wir gefühlte drei Stunden warten, weil der Füssentunnel überlastet war. Draußen schneite es noch immer. Wir hörten zum dritten Mal in Folge „Benjamin Blümchen“. Das Navi schwieg, mein Mann ebenfalls. Ich rief unsere Hüttenwirtin an und meldete eine weitere Stunde Verspätung.
Es war schon lange dunkel, als wir endlich die andere Seite des Tunnels erreichten. Die Kinder schliefen zum Glück ein. Wir kurvten erschöpft schweigend durch das verschneite Österreich. Gelegentlich sprach das Navi mit uns.
Unser Ziel war schon in Sichtweite. Warm leuchtend wies uns das Licht aus den Fenstern der Hütte die Richtung. Das Navi sagte: „In Kürze scharf rechts abbiegen“. Rechts der Straße war im Dunkeln etwas zu erkennen, das entfernt an einen Abzweig erinnerte. Mein Mann setzte den Blinker und bog scharf rechts ab. Das Auto kämpfte sich eine kurze unwegsame Böschung hinunter bis zu einer schneebedeckten Straße. Wir fuhren weiter. Das Auto kam immer schlechter vorwärts. Im dunklen Schneetreiben war außer dem nicht mehr weit scheinenden Licht der Hütte nicht viel zu erkennen. Irgendwann drehten die Räder durch, wir kamen weder vor noch zurück. „Sie haben ihr Ziel erreicht“ verkündete das Navi. Mein Mann stieg aus, sah sich um, und begann wütend wie Rumpelstilzchen im Schnee zu hüpfen. „Dieses verdammte Navi!“ hörte ich ihn brüllen. Er öffnete die Tür, lies sich auf den Sitz fallen und sagte: „Wir stehen auf der Langlaufloipe“. Von der Hütte trennten uns zwar nur zwanzig Meter Luftlinie, aber auch ein Bach.
Wir schleppten drei schlaftrunkene Kinder und das Gepäck für fünf Personen nachts um halb eins bei minus zehn Grad durch den Schnee bis zur Straße, die Straße entlang bis zum tatsächlichen Abzweig, eine rutschige unbefestigte Straße hinunter, über eine Brücke und einen Hang hinauf bis zur Hütte.
Am nächsten Tag konnten wir von unserem Zimmer aus beobachten wie eine Pistenraupe unser Auto auf die Straße zog, nachdem es mehrere Stunden dem Zorn der Langläufer ausgesetzt war und wir inkognito wüste Beschimpfungen in allen europäischen Sprachen über uns ergehen lassen mussten.
Auf dem Rückweg musste ich wieder Karte lesen. Das Navi schwieg schwarz vor sich hin. Wir haben uns nicht verfahren. Ziel erreicht.
Gute Fahrt und bis zum nächsten Mal!
Eure Lisa


Da konnte ich auch eine Langspielplatte von singen!!!!!
wie wahr- die Szene kommt mir sehr bekannt vor
Sehr witzig!