Es gibt einen Tag im Jahr, den ich mit Schrecken erwarte, und der einer generalstabsmäßigen Planung bedarf. Nein, ich spreche nicht von Heiligabend, ich meine den Kindergeburtstag meines Sohnes. Wir haben dieses Jahr den dritten „richtigen“ Kindergeburtstag gefeiert (Geburtstage unter fünf zählen nicht wirklich als solche), und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass Geburtstagspartys nicht erst dann anstrengend werden, wenn irgendwann Alkohol ins Spiel kommt. Nein, der Stress beginnt schon, wenn es plötzlich nicht mehr cool ist, Mädchen einzuladen. Denn eine Horde Jungen im Grundschulalter bei kaltem Nieselwetter in einer Wohnung zusammenzupferchen, grenzt schon beinahe an Verletzung von Menschenrechten. Das sind drei Stunden Ausnahmezustand in den eigenen vier Wänden!
Doch schon die Woche vor der Geburtstagsparty gestaltet sich etwa so entspannt wie der Countdown vor dem Start einer Rakete. Angefangen bei der ewigen Diskussion über die Anzahl der Gäste, bei der ich inzwischen ähnlich verfahre wie beim Verhandeln auf einem arabischen Basar: Ich lege die maximale Zahl der Einladungen unterhalb meiner Toleranzschwelle fest, damit mein Sohn mich noch um zwei Gäste nach oben handeln kann. So hat er das Gefühl, noch etwas rausgeholt zu haben, und es werden trotzdem nicht zu viele Kinder. Irgendwann sind dann tatsächlich die Einladungen verteilt, der peinlichste Einkauf des Jahres mit einem Einkaufswagen voller Süßigkeiten, Fanta, Pommes und Würstchen ist überstanden, Unmengen von Kuchen sind gebacken, die Wohnung ist partytauglich geräumt und geschmückt. Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Man wartet gespannt auf das erste Klingeln.
Dieses Jahr haben wir zum ersten Mal eine Verkleidungsparty veranstaltet. Und so stürmte kurz vor drei Uhr Robin Hood unsere Wohnung, gefolgt von mehreren Rittern, einem Zauberer, einem schwer bewaffneten Polizisten, einem Astronauten und zwei Piraten. Nachdem die Eltern sich mit einem schadenfrohen „Viel Spaß dann“ verabschiedet hatten, waren wir allein mit der Meute. Die illustre Gesellschaft hatte sich sofort ins Kinderzimmer begeben und unsere gerade erst vom Mittagsschlaf erwachte Tochter halb zu Tode erschreckt. Sie wurde evakuiert und zur Nachbarin gebracht. Ich betrachtete das wilde Treiben ein wenig mutlos, doch nach und nach wurde es ruhiger. Ängstlich fragende Blicke in meine Richtung verwirrten mich kurzzeitig. Ich hatte ganz vergessen, dass ich als Vampir verkleidet war. Außerdem hielt ich etwas ratlos eine Ketchupflasche in der Hand, die ich gerade aus dem Keller in die Küche bringen wollte. Scheinbar verliehen mir mein blasses Gesicht mit den blutunterlaufenen Augen und dem Plastikgebiß unerwartete Autorität, denn ich hatte ohne etwas gesagt zu haben plötzlich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller. Dann tat ich einer plötzlichen Eingebung folgend etwas völlig Unvorhergesehenes: Ich riss gierig die Schutzfolie von der Ketchupflasche, schraubte den Plastikverschluss wieder auf und spritzte mir den roten Matsch („Konservenblut“) direkt aus der Flasche in den Mund. Gleichzeitig gab ich werwolfartige Geräusche von mir. Nach dieser Machtdemonstration waren die Kinder, selbst mein Sohn, vor Fassungslosigkeit sprachlos. Benebelt von einer Überdosis Ketchup sprach ich mit tiefer Stimme zu ihnen, und sie hörten tatsächlich zu. Das machte süchtig, ich konnte nicht mehr damit aufhören. Ich sprach den ganzen Nachmittag über mit tiefer Stimme, und sie hörten immer zu. Am nächsten Tag war ich heiser, aber dafür, dass die Geburtstagsfeier tatsächlich in einigermaßen geordneten Bahnen verlief, nahm ich dies gern in Kauf.
Wenn Ihr noch Tipps und Tricks habt, wie man Kindergeburtstage erfolgreich überlebt ohne danach heiser zu sein, her damit! Der nächste Geburtstag kommt bestimmt! Für ein gutes Hausmittel gegen hartnäckige Heiserkeit wäre ich übrigens auch dankbar…
Bis(s) demnächst
Eure Lisa



Mein Tipp: Auslagern! Möglichkeiten gibt es genug und durchaus noch bezahlbar, z.B.
– Bauernhöfe in der Umgebung, in der Regel mit Programmangebot, die Preise sind sehr unterschiedlich
- Indoorspielplätze (bei unserem hier darf man alles mitbringen und zahlt nur den Eintritt von 7-8 Euro)
…
Klar geht es auch zuhause, aber das ist ja 3x Stress: Vorher alles auf Vordermann bringen, dann alles steuern, danach putzen und Schönheitsreparaturen, soweit noch möglich.
LG, Claudia